Wieso gibt es in Schweden so viele Vergewaltigungen?

Schweden hat die höchste Vergewaltigungsrate in Europa. Und das strengste Sexualstrafrecht: Für Sex braucht es ein Einverständnis. Wie passt das zusammen? Ein Report aus der angeblichen „Vergewaltigungshauptstadt“ Malmö.


In den vergangenen zwei Monaten wurden im südschwedischen Malmö vier Mädchen gruppenvergewaltigt. Die Polizei spricht von beispiellosen Taten und riet Frauen kurzzeitig sogar dazu, nicht allein aus dem Haus zu gehen. Zwei der Vergewaltigungen fanden in dem beliebten Studentenviertel statt, wo ich täglich meinen Bus zur Uni nehme und häufig spät nachts auf dem Weg nach Hause vorbeikomme.


Vergewaltigungen in Malmö, Schweden: So verändert es mein Leben



Der Gedanke ist unheimlich. Ich habe nun immer ein Pfefferspray dabei, wenn ich aus dem Haus gehe und halte es griffbereit, wenn ich nachts unterwegs bin. In meiner anderen Hand klemme ich meine Schlüssel wie eine Art Schlagring zwischen meine Finger und balle meine Hand zur Faust.

Ich vermeide abends lange Wartezeiten an Bushaltestellen und halte mich im Zweifel lieber an belebteren Orten auf, bis der Bus kommt. Wenn ich doch einmal alleine bin, telefoniere ich solange mit meinem Freund. Wenn mir in einer einsamen Straße ein Mann entgegenkommt, wechsele ich die Straßenseite.

Es tut mir zwar leid, dass ich ihn unter Generalverdacht stelle, obwohl er höchstwahrscheinlich nur ein ganz normaler Passant ist. Aber das Risiko, dass er die Situation doch ausnutzt, will ich nicht eingehen.
2015 wurden in Schweden 18.000 Vergewaltigungen gemeldet

Das sind alles Dinge, die wohl jede Frau schonmal gemacht hat, wenn sie nachts alleine unterwegs war, ob in Schweden, Deutschland oder sonst irgendwo. Doch Schweden ist das europäische Land, indem die meisten Vergewaltigungen gemeldet werden.

Selbst von den OECD-Ländern verzeichnet nur Australien mehr Meldungen. Die Zahl der Vergewaltigungen in Schweden ist von 12.100 Meldungen im Jahr 2006 zu 18.000 Meldungen im Jahr 2015 angestiegen, berichtet die BBC. Der britische Politiker Nigel Farage nannte Malmö sogar die „Vergewaltigungshauptstadt“ Europas.

Wie passt das zusammen mit meinem Bild von Schweden als ein Land, das sich so sehr für Frauenrechte einsetzt? Schweden hat eines der strengsten Sexualstrafgesetze Europas, welche demnächst weiter verschärft werden sollen.

Was sagen Schweden zum neuen Gesetz über Einverständnis beim Sex?

Sex soll nun das eindeutige Einverständnis beider Partner erfordern. Während der Gesetzesvorschlag in Deutschland auf Kritik und Unverständnis stößt, befürworten ihn in Schweden drei Viertel der 18- bis 29-Jährigen.

„Ich finde das Gesetz sehr gut. Mich wundert es, dass es vorher nicht schon so war. Dass beide Partner einverstanden sein müssen, ist doch eine Selbstverständlichkeit“, meint Karin (26).

Johan (27) sagt: „Ich denke, das Gesetz wird so manchen Mistkerl dazu bringen, zweimal nachzudenken, bevor er etwas Dummes tut. Das ist eine gute Sache. Andererseits kann es natürlich auch missbraucht werden. Aber das ist wohl bei jedem Gesetz der Fall.“

Sebastian (25): „Meine Hoffnung ist, dass durch das Gesetz nicht mehr über darüber geredet wird, was für Kleidung das Mädchen trug, sondern ob sie ihr Einverständnis gegeben hat. Vielleicht verkleinert das Gesetz rechtliche Grauzonen, aber am Ende wird ohne weitere Beweise immer noch Aussage gegen Aussage stehen. Ich hoffe dennoch, dass das Gesetz etwas bringen wird.“

Schweden ist ein Land, das seine Frauenrechtler feiert. Hier gehen hunderte Leute auf die Straße, um gegen die jüngsten Vergewaltigungen zu demonstrieren. Die MeToo-Debatte läuft seit Oktober und ist noch immer voll im Gang. Selbst auf Malmös Weihnachtsmärkten wird das Venussymbol für Feminismus als Schmuckstück verkauft und sowohl von Frauen, als auch von Männern getragen.

Nirgendwo habe ich bisher eine solche Einigkeit in der Gesellschaft und eine solch öffentliche Debatte zu diesem Thema erlebt. Männer und Frauen, Politiker und die Medien – alle vertreten lautstark dieselbe Meinung: Das Thema ist wichtig und jede Maßnahme gegen Vergewaltigungen ist gerechtfertigt. Selbst wenn sie nur von pädagogischem oder symbolischem Wert ist.

In Deutschland steht Vergewaltigung in der Ehe erst seit 20 Jahren unter Strafe

Wieso also diese unglaublich hohe Vergewaltigungsstatistik? Der Grund ist ganz einfach: In Schweden wird jede Vergewaltigung gezählt. Im Gegensatz zu vielen Ländern auf dieser Welt gilt in Schweden eine Vergewaltigung in der Ehe als Straftat.

In Deutschland ist die Vergewaltigung in der Ehe erst seit 20 Jahren strafbar, in anderen Ländern ist sie es immer noch nicht. Ist es im Laufe einer Beziehung zu mehreren Übergriffen gekommen, wird außerdem jeder einzelne gezählt. In den USA würde beispielsweise nur ein einzelner Fall registriert werden, unabhängig davon, wie viele Übergriffe es in der Beziehung gegeben hat.

Dazu kommt, dass seit einer Gesetzesänderung 2005 in Schweden viele Delikte in die Kategorie „Vergewaltigung“ fallen, die vorher als „Nötigung“ oder „Missbrauch“ verzeichnet wurden. In vielen anderen Ländern wird da stärker differenziert.

Die hohe Zahl an Vergewaltigungen in Schweden zeigt den Erfolg des Sexualstrafrechts

Daher ist die Zahl der Vergewaltigungen schwer zu vergleichen. Letztendlich hat der schwedische Staat in zahlreiche Kampagnen investiert, die dem Vergewaltigungsopfer die Sicherheit geben sollen, die Straftat zu melden. Dazu gehören Änderungen im Gesetz, aber auch im Gesundheitswesen und in Schulen, welche besser auf Opfer von sexueller Gewalt eingehen sollen.

So ist zwar die Zahl der registrierten Vergewaltigungen stark gestiegen. Gleichzeitig lassen diese Veränderungen vermuten, dass die Dunkelziffer stark gesunken ist.

Schweden zeigt: Dass Vergewaltigungen passieren, kann wohl kein freier Staat vollkommen verhindern. Aber Schweden zeigt auch, wie man am besten mit Vergewaltigungen umgeht. Der vermeintliche Anstieg von Vergewaltigungen in Schweden steht also nicht für ein Versagen der Politik, sondern viel eher für erste Erfolge der strengen und feministischen Reformen des Sexualstrafrechts.




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