Die Zahl der Touristen auf Island explodiert – wird die Insel das verkraften?

Seit dem Jahr 2010 hat sich in Island die Zahl der Touristen verfünffacht. Der Sektor ist zum wichtigsten Devisenbringer geworden. Ob Island das rasante Besucherwachstum verkraftet, steht auf einem anderen Blatt.


James-Bond-Enthusiasten werden die Szenerie wiedererkennen, denn schon zweimal figurierte sie in den Abenteuern des unverwüstlichen britischen Geheimagenten: Jökulsarlon, die Gletscherlagune an der Südküste Islands. Ist die bizarre Landschaft aus Eis und Wasser bereits auf der Leinwand ein Erlebnis, so ist sie in natura noch viel atemberaubender. Der zurzeit rund 18 Quadratkilometer grosse See stösst an seinem nördlichen Ende an einen Ausläufer des Vatnajökull, des grössten Gletschers Islands, und an seinem südlichen Ende zwängt sich das Wasser durch einen engen Ausfluss in die Brandung des Nordatlantiks. Im See schwimmen unzählige von der Gletscherfront abgebrochene Eisberge. Am Meeresstrand aus pechschwarzem vulkanischem Sand glitzern die aus der Lagune gespülten Eisstücke wie Riesendiamanten in der Sonne, die wie auf Wunsch gerade jetzt hinter den Wolken hervorgekrochen ist.

Spektakulär und teuer


Es ist ein Bild wie aus einer anderen Welt. Kaum verwunderlich deshalb, dass die Gletscherlagune zu den meistbesuchten Sehenswürdigkeiten des an Naturwundern nicht eben armen Island zählt. Die Touristen kommen in Scharen, auch wenn sie eine lange Reise auf sich nehmen müssen – die Autofahrt von der Hauptstadt Reykjavik dauert mehrere Stunden. Dennoch ist auch an diesem kalten Oktobertag der Parkplatz gut gefüllt, Nebensaison hin oder her.

Wer es bis zur Eisberglagune geschafft hat, hat bereits eifrig Geld ausgegeben: Island ist in den letzten Jahren zu einer der teuersten Reisedestinationen in Europa aufgestiegen. Das hat einerseits damit zu tun, dass das Land sich von der verheerenden Finanzkrise von 2008 inzwischen wieder erholt hat. Die Währung hat viel Boden gutgemacht, so viel, dass Touristen aus Europa und Amerika heute, verglichen mit dem Tiefpunkt der Valuta um das Jahr 2009, rund ein Drittel weniger in isländischen Kronen für ihre Dollars und Euro erhalten.

Islands Tourismus boomt

Andrerseits sind in den letzten Jahren die Preise für Waren und Dienstleistungen in Island auch nominal, also in der Landeswährung selbst, markant gestiegen; dies nicht zuletzt wegen der anschwellenden Nachfrage durch die Touristen. Verzeichnete Island im Jahr 2010 erst knapp 500 000 ausländische Besucher, so waren es 2016 bereits 1,8 Mio. Dieses Jahr dürften gegen 2,5 Mio. Touristen gezählt werden (siehe Grafik). Alle brauchen sie Unterkunft und Verpflegung, suchen Unterhaltung, unternehmen Ausflüge, buchen Mietwagen, Inlandflüge und Bustickets – in einem Wort, sie stellen Ansprüche an einen Wirtschaftsraum, der selber bloss 340 000 ständige Einwohner hat.

Stürmische Entwicklung

Das vom Tourismus generierte Wachstum hat ferner die Löhne kräftig steigen lassen, und zwar deutlich rascher als die Teuerung. Die Kaufkraft eines isländischen Salärs lag per Juni 2017 laut Statistics Iceland um 5,6% höher als noch zwölf Monate zuvor.

Damit hat sich der Fremdenverkehr innerhalb weniger Jahre zu einem Schlüsselsektor der isländischen Wirtschaft entwickelt. Laut Schätzungen von Finanzexperten dürfte er 2017 dem Staat rund 45% aller Deviseneinnahmen einbringen, gegenüber erst 19% im Jahr 2010. «Eigentlich wächst der Tourismus zu rasch», sagt Elias Gislason von der isländischen Fremdenverkehrsbehörde. Gislason leitet den Bereich Entwicklung und Qualitätskontrolle. «Im letzten Jahr hat der Sektor um 39% expandiert. Nun jedoch scheint die Zunahme etwas nachzulassen. Zum Glück, muss man eigentlich sagen.»

Wer Gislason in seinem Büro besucht, reibt sich zuerst einmal die Augen. Die Fremdenverkehrsbehörde sitzt in einem angejahrten Gebäude am alten Hafen und nicht etwa in einem der pompösen Bürotürme, die überall in Reykjaviks Zentrum hochgeschossen sind. So unscheinbar hätte man sich die staatliche Repräsentation des neuen Goldesels der isländischen Wirtschaft nicht vorgestellt.

Immerhin ist der Tourismus inzwischen für einen Anteil von rund 10% am Bruttoinlandprodukt verantwortlich. Er hat damit ähnlich entscheidende Bedeutung für die nationale Wirtschaft erlangt wie die traditionellen Schwergewichte Fischerei und Aluminiumherstellung. Als beschäftigungsintensive Branche ist der Tourismus für den Arbeitsmarkt heute wohl Islands wichtigster Sektor. Die Ressourcen, die ihm auf politischer und verwaltungstechnischer Ebene zugeteilt werden, scheinen der stürmischen Entwicklung jedoch markant hinterherzuhinken.

Touristen geben in Island das meiste Geld für Unterkunft aus

Das empfindet zwar auch Gislason so, doch sagt der Tourismusexperte gleichzeitig, dass das Personal aufgestockt worden sei. In jedem Fall begrüsst er, wenn sich nun eine Atempause beim Tourismuswachstum abzeichnet, denn es gelte einige dringende Probleme zu lösen.

Letzteres betrifft zunächst einmal praktische Fragen wie etwa Infrastruktur-Engpässe. Wenn Island preislich in der obersten Liga mitspielt, dann müssen auch Angebot und Leistungen stimmen, wenn längerfristig der Ruf des Landes als Feriendestination nicht leiden soll. Ferner steht ebenfalls die Frage im Raum, wie viele Touristen das Land verkraften kann, ohne dass es just jene Ressource ruiniert, derentwegen die meisten ausländischen Besucher kommen – Einsamkeit, Ruhe und spektakuläre, unberührte Natur.

Diskutiert wird auch, welcher Art der Tourismus sein soll. In Island blickt man eher auf den amerikanischen und europäischen als den asiatischen Markt. Der letztere dürfte von allen zwar das grösste Wachstumspotenzial haben – aber gerade den Massentourismus will man in Island eigentlich vermeiden.

Die goldene Gans, ein Ärgernis?

Ohnehin nämlich besteht vor allem in Reykjavik schon eine reale Gefahr, dass die Bevölkerung in den scharenweise ankommenden ausländischen Touristen je länger, je mehr nicht mehr ökonomische Chancen sieht, die mitgeholfen haben, das Land wieder aus dem Sumpf der Finanzkrise zu ziehen, sondern sie als eine Art Ärgernis wahrzunehmen beginnt. Auch dadurch könnte deshalb plötzlich die Reputation der «Marke Island» auf dem Spiel stehen.

Tatsächlich zeigen Umfragen, dass die Haltung der Einheimischen gegenüber ausländischen Besuchern kippen könnte. Nicht nur werden die Touristen bisweilen beschuldigt, der isländischen Natur nicht mit dem nötigen Respekt zu begegnen, etwa beim Campieren oder Verrichten der Notdurft. Man macht sie auch verantwortlich für Kostendruck im Wohnungsmarkt und im Vergnügungssektor. Wohnraum hat sich namentlich in der Innenstadt von Reykjavik verknappt, weil durch die touristische Nachfrage viele Wohnungen dem klassischen Mietmarkt entzogen worden sind und über Vermittlungsdienste wie etwa Airbnb vermietet werden




Über AdriaMediaGroup:

Seit 1999 bilden Online-Magazine das Fundament unseres Unternehmens. Dank unser regelmäßigen Markt- und Zielgruppenanalysen kennen wir unsere Leserinnen und Leser sehr gut und wissen genau, was diese von unseren Magazinen erwarten. Mit renommierten Nachrichtenagenturen wie dpa und AFP ergänzen wir die uns zur Verfügung stehenden Informationsquellen aus Politik und Wirtschaft. Stetig entwickeln wir unsere Magazine weiter und kreieren immer wieder neue Online-Magazine, die speziell auf das entsprechende Marktumfeld angepasst sind. Ob das kleine Nischenmagazin, ein Wirtschaftsjournal im Internet oder ein Tageszeitung im Internet. Mit über 45 Millionen Seitenaufrufen pro Monat (quelle: PIWIK September 2016), zeigt sich dass unsere aktuellen Magazine vom Publikum sehr gut angenommen werden. In den 17 Jahren unserer verlegerischen Tätigkeit mussten wir uns bis heute weder einem Abmahnverfahren stellen noch jemals einen Widerruf veröffentlichen. Entgegen anderer Verlage basiert unsere Berichterstattung auf seriöser Recherche und reinen Fakten. Wir sehen in grundsolider Berichterstattung auch heute noch die Zukunft unserer Arbeit.

Die AdriaMediaGroup ist seit 1999 auf dem internationalen Markt tätig. Derzeit publiziert die ADMG auf dem deutschsprachigen Markt über 80 Online-Magazinen aus unterschiedlichsten Themenbereichen. Alle Zeitschriften werden von unserem eigenem Redaktionsteam regelmässig aktualisiert.